Die Leiterin des ukrainischen Center for Civil Liberties beschreibt Verbote ukrainischer Sprache und Kultur, Tötungen lokaler Vertreter sowie Umerziehungslager für Kinder. Russland hält nach ihren Angaben etwa 19 Prozent der Ukraine besetzt.
Matviichuk beschreibt russische Unterdrückung in besetzten GebietenDie ukrainische Juristin und Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Matviichuk wirft Russland genozidale Praktiken in den besetzten Gebieten der Ukraine vor. Die Russen verböten die ukrainische Sprache und Kultur und töteten engagierte Mitglieder lokaler Gemeinschaften wie Bürgermeister, Journalisten oder Lehrer, sagte sie dem Nachrichtenmagazin Focus.Center for Civil Liberties dokumentiert VerbrechenMatviichuk leitet das ukrainische Center for Civil Liberties, das 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Die Organisation dokumentiert mutmaßliche Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen.Nach ihren Angaben gibt es in den besetzten Gebieten Umerziehungslager für Kinder. Dort werde ihnen eingeredet, sie seien keine Ukrainer, sondern Russen, und ihre Eltern oder Verwandten hätten sie im Stich gelassen.Vorwurf der erzwungenen RussifizierungAnschließend würden die Kinder von russischen Familien adoptiert und als Russen großgezogen, berichtete Matviichuk weiter. Sie bezeichnete diese Taten als Konsequenz von Äußerungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, wonach es keine ukrainische Nation und Kultur gebe.Russland hält derzeit etwa 19 Prozent der Ukraine besetzt.
Die Vorwürfe von Oleksandra Matviichuk betreffen ein Muster, das im Zusammenhang mit der russischen Besatzung ukrainischer Gebiete seit Beginn der Vollinvasion dokumentiert wird: die Einschränkung ukrainischer Identität, die Verfolgung lokaler Amtsträger und die Einflussnahme auf Kinder. Sprache, Geschichtsvermittlung und familiäre Bindungen werden dabei zu Instrumenten politischer Kontrolle.Kinder im Zentrum der IdentitätspolitikBesonders schwer wiegen die beschriebenen Umerziehungsmaßnahmen. Wenn Kindern ihre ukrainische Herkunft abgesprochen und die Trennung von ihren Familien als Verlassenwerden dargestellt wird, geht es nicht nur um Betreuung, sondern um die langfristige Veränderung ihrer nationalen und persönlichen Zugehörigkeit. Die Adoption durch russische Familien verschärft dieses Problem.Die Einordnung als genozidale Praxis bezieht sich auf Handlungen, die auf die Zerstörung einer nationalen Gruppe oder wesentlicher Teile ihrer Identität zielen können. Die rechtliche Bewertung eines Völkermords setzt nach internationalem Recht allerdings den Nachweis einer spezifischen Vernichtungsabsicht voraus. Für die betroffenen Familien stehen unabhängig davon Rückkehr, Identitätswahrung und die Aufklärung des Verbleibs der Kinder im Mittelpunkt.Besatzung als langfristige StrukturDie von Matviichuk genannten Maßnahmen verbinden militärische Besatzung mit administrativer und gesellschaftlicher Umformung. Das erhöht den Druck auf die ukrainische Bevölkerung in den besetzten Gebieten und erschwert spätere Rückkehr- und Reintegrationsprozesse. Dokumentation, internationale Ermittlungen und die Sicherung von Beweisen bleiben deshalb für mögliche Strafverfahren und für die Suche nach verschleppten Kindern zentral.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene FragenFrankfurter Rundschau: „Es war wie Folter“: Neuer UN-Bericht wirft Russland Kriegsverbrechen und Menschenhandel vor (27.10.2026)Der Beitrag ordnet russische Handlungen im Ukrainekrieg anhand eines UN-Berichts als Kriegsverbrechen und Menschenhandel ein. Er setzt damit einen breiteren Schwerpunkt als die Äußerungen Matviichuks, die besonders die kulturelle Unterdrückung und den Umgang mit ukrainischen Kindern hervorheben.Gemeinsam ist beiden Darstellungen der Fokus auf systematische Rechtsverletzungen unter russischer Verantwortung. Offen bleibt, wie einzelne Fälle rechtlich eingeordnet werden und welche Konsequenzen internationale Ermittlungen nach sich ziehen.